Seit fast einem Jahr spiele ich schon mit dem Gedanken, die Radrennen bleiben zu lassen. Am Ende der letzten Saison waren Motivation, Lust und Freunde irgendwie verloren gegangen. Wie in jeder Beziehung, hängt man aber auch im Sport noch auf eigenartig-perverse Weise am eigentlich längst Vergangenen, auch wenn es schon nicht mehr rund läuft. Und der Radsport ist eine besonders hartnäckige und zugleich fordernde Geliebte. Quasi die Stalkerin, zu der man ein ambivaltentes Hass-Liebe-Gefühl aufgebaut hat, das einfach nicht verschwinden will. Die neue Beziehung, in meinem Fall das Laufen, wird hingehalten. Am Samstag wurde mir die Entscheidung unsanft abgenommen. Als ich am Gerlosberg mit einem neuen, persönlichen Negativrekord abstieg, war mir klar dass es das für mich gewesen ist.

Schaut man heute bei einem Bergrennen die Runde, findet man kaum noch Hobbyfahrer im wahren Sinn des Wortes. Dafür Amateure, die den Lebenswandel von Profis haben, Profis die bei den Amateuren an den Start gehen und Hobbyfahrer die sich wie Profis fühlen.

Seit über 15 Jahren nehme ich an Rennen teil. Viele schöne Erlebnisse, einige Enttäuschungen, einige Ernüchterungen und Ärgernisse erlebte ich in dieser Zeit. Im Laufe dieser Zeit hat sich viel getan. Als ich 1998 zum ersten Mal am Hinterhorn Alm Rennen teilnahm, war man mit einer Zeit unter 30 Minuten schon recht weit vorne mit dabei. Die aktuelle Dichte in Qualität wie Quantität war damals eine Utopie. Es gab einige Amateure, einige ambitionierte Hobbyfahrer, den Nachwuchs und die breite Masse an echten Hobbyfahrern. Die Elite blieb unter sich. Schaut man heute bei einem Bergrennen die Runde, findet man kaum noch Hobbyfahrer im wahren Sinn des Wortes. Dafür Amateure, die den Lebenswandel von Profis haben, Profis die bei den Amateuren an den Start gehen und Hobbyfahrer die sich wie Profis fühlen. Mit allen Nebengeräuschen die ich, wie ich glaube, schon oft genug behandelt habe.

Es spricht nichts dagegen, den Sport ernst zu nehmen. Ich war und bin selbst einer, der Training und Wettkampf ernst nimmt. Als ich aber am Samstag vor dem Start einen älteren Herren auf der Walze beim Aufwärmen sah, daneben seine Frau, die ihm mit einem Schirm Schatten spendete, überkam micht das Gefühl, dass ich hier nichts mehr verloren habe.

Das ist es, was für mich das Amateurdasein ausmacht: die Vereinbarkeit von Leistungssport, Beruf und Familie.

In meinen Augen hat der Amateur- und Hobbyradsport eine Grenze überschritten, die mir, obwohl selbst ambitioniert, nicht mehr sinnvoll erscheint. Ich habe lange Zeit ein ansprechendes Niveau halten können trotz Beruf und Familie. Das ist es, was für mich das Amateurdasein ausmacht: die Vereinbarkeit von Leistungssport, Beruf und Familie. Früher war das möglich. Das ist heute nicht mehr der Fall. Viele sehr gute und talentierte Sportler haben deshalb die Reißleine gezogen. Als ich am Samstag am Start die Runde blickte, konnte ich kaum noch bekannte Gesichter entdecken.

Der Radsport ist eine schöne Geliebte einerseits, allerdings auch eine fordernde und zickige Bitch andererseits. 12-15 Trainingsstunden pro Woche sind das Minimum, das man investieren musste. Wenn das auch noch zu wenig ist, scheint mir die Zeit die Bühne zu verlassen überfällig. Dieser Abschied mag übertrieben pathetisch kleingeistig und etwas beleidigt erscheinen, das ist aber nicht meine Intention. Ich hatte meine Zeit, sie war schön, ist nun aber vorbei. Zumindest für den Moment bzw im Ausmaß der letzten 10 Jahre.

Seit 1996 ist das Rennrad meine Leidenschaft. Meine erste Ausfahrt war zu Pfingsten mit meinen Eltern und meinem Onkel von Bardolino hinauf nach San Zeno. Gefühlt ein Marathon. Was als Abenteuer und Hobby begann, entwickelte sich zur Sucht, die teilweise mein Leben auf gute, teils im Nachhinein auf schlechte Weise konditionierte.

Das Ende der Rennen ist natürlich nicht das Ende des Radsports. Ich werde auch weiterhin unterwegs sein, aber eben nicht mehr an Rennen teilnehmen. In näherer Zukunft möchte ich mich bewerbsmäßig verstärkt dem Laufen widmen. Dieser Plan gärt in mir schon seit dem vergangenen Herbst. Ich konnte im Laufen eine echte Alternative entdecken, die meines Erachtens dem Amateursportgedanken eher gerecht wird. Die Szene wirkt, zumindest für den Moment, etwas entspannter und weniger engstirnig. Mit vernünftigem Trainingsaufwand kann man seiner Leidenschaft auf ansprechend hohem Niveau nachgehen.

Abschließend möchte ich den wenigen in der Rennszene verbliebenen Kollegen und Freunden (es waren nie viele, dafür nahmen sie im Laufe der Zeit zahlreich ab) alles Gute und weiterhin viel Freude am Renngeschehen wünschen.