Nachdem ich meine alte Seite in die Tonne getreten habe, manche Dinge daraus aber definitiv für die Ewigkeit sind, möchte ich hier nochmals meinen Bericht vom Race across the Alps 2005 zum Besten geben. Enjoy the pain! 😉

Race across the alps, kurz RATA ist das härteste Eintagesrennen der Welt. Von Nauders geht´s über Reschenpass, 2 x Stilfserjoch, Gaviapass, 2 x Aprica, Mortirolo, Bernina, Albulapass, Flüelapass, Ofenpass, Umbrailpass wieder über den Reschenpass retour nach Nauders. Nach über 9000 Trainingskilometern stellte ich mich gemeinsam mit meinem Betreuerteam dieser Herausforderung.

Nach 31 Stunden und 28 Sekunden, vielen Höhen, vielen Tiefen, Leiden und Euphorie, 543 Kilometern und über 13.000 Höhenmetern erreichte ich mein Ziel. Lang wars, kalt wars, nass wars, anstrengend wars. Aber alles der Reihe nach.

Donnerstag 15.00 erfolgte pünktlich die Abfahrt in Karls Espace. Im Radstudio wurde noch kurz Station gemacht um die letzten verfügbaren Kleidungsbestände und letzte gute Tipps und Glückwünsche abzuholen. Der Wagen war bis unter die Decke voll mit Winterjacken, Ärmlingen, Beinlingen, Überschuhen, Decken, Geschirr, Verpflegung et cetera et cetera. Dazu 5 Personen und 2 Räder. Wenn 5 Zigeuner 8 Wochen auf Schiurlaub in die Ukraine fahren, könnten sie nicht mehr Gepäck haben. In Nauders angekommen die erste Berührung mit dem RATA. Im Veranstaltungszentrum startete gerade das Fahrerbriefing. Last and least nahmen wir zwischen den vielen Athleten Platz. Von den anderen, sehr professionell ausgestatteten Teams beindruckt, harrte ich der Dinge. Vor der Streckenbesprechung wurde jeder Fahrer einzeln auf der Leinwand angekündigt. Ich muss gestehen dass ich doch stolz war auch nur meinen Namen in diesem Feld zu sehen. Mein Blick schweifte die Runde, während noch einmal jeder Pass mit Daten und Bildern gezeigt wurde. Wie soll ich das nur schaffen? Die anderen Fahrer schauten durch die Bank weitaus besser trainiert und gelassener aus, selbstsicher als ob sie solche Runden regelmässig vor dem Frühstück drehen würden. Trotz aller Mühen glaube ich ist es mir nicht gelungen einen von mir selbst überzeugten Eindruck zu hinterlassen. Immer wieder murmelte ich beim Anblick der Strecke Flüche und Verwünschungen vor mich hin. Danach gings ab ins Hotel zum Abendessen. Mittlerweile bereitete mir das Essen nicht mehr das gewohnte Vergnügen sondern war in den letzten Tagen schon zur lästigen Pflicht verkommen. Verzweifelt hatte ich probiert soviel als möglich in mich hinein zu stopfen. Wurstsalat, Suppe, Salatbuffet, Hühnerfilet mit Spinat und Schlosskartoffeln sowie eine gebratene Banane waren meine Henkersmahlzeit, die ich mit Blick auf die wolkenverhangenen Berge zu mir nahm. Das Telefon ging ununterbrochen. Anrufe und SMS mit Glückwünschen und Aufmunterungen wegen dem drohenden Sauwetter. Der beste Kommentar kam von Tietz:“ Kluge, schau, wenn das Wetter gut wäre wär ja nix dabei die Runde zu fahren. Nur mit Schnee und Kälte wirds legendär, wie damals als Pantani aufs Plateau de Beille den Ullrich abmontiert hat.“ Stimmt natürlich auch irgendwie. Vor dem Einschlafen wurde ich noch von Gabi massiert. Ich wollte trotz meiner Zweifel um eine realistische Chance bei „legendären“ Verhältnissen im bestmöglichen Zustand an den Start gehen. Um 22:45 machte ich das Licht aus und schlief sofort ein, obwohl Daniele im Nebenraum noch den Fernseher quälte. Die Überzeugung dass das RATA ein Buch mit sieben Siegeln für mich bleiben wird, hatte zumindest den Vorteil dass ich ohne übermässige Nervosität sofort ins Land der Träume entschwand.

Freitag liess mich mein innerer Wecker pünktlich um 7.00 aus einem erholsamen Schlaf erwachen. Neuer Tag, neues Glück. Es lachte mich zwar nicht gerade die Sonne an, aber zumindest regnete es nicht und die Wolken lichteten sich ein wenig. Der Wurstsalat vom Vortag forderte umgehend seinen Tribut. Zumindest einer Sorge konnte ich mich also bereits frühzeitig entledigen. Beim Frühstück gab ich nochmals alles. Spiegeleier, Brote, Joghurt mit Früchten, Cornflakes. Voll bis obenhin machte sich Team Kluge auf den Weg zur Fahrerpräsentation und Schiedsrichterzuteilung in den Startbereich. Die anderen Fahrer waren alle bereits in Rennkleidung und werkelten an ihren Rädern herum. Jetzt war ich es der anscheinend seine Nerven besser unter Kontrolle hatte. In Jeans und Winterjacke machten wir Fotos und quatschten ein wenig mit einigen Teilnehmern. Die Fahrerpräsentation musste ich leider sausen lassen um mich im Hotel gemütlich umzuziehen. Einige letzte Telefonate konnte ich noch tätigen bevor es dann um Punkt 12 Ernst wurde und der Startschuss erfolgte.

Mein Puls war sofort in schwindelerregenden Höhen, obwohl das neutralisierte Tempo sehr angenehm war. Wahrscheinlich eine Mischung aus Nervosität und erstem Tag zurück am Rad nach längerer Pause. Ich war sehr erleichtert als auch meine Mitfahrer, mit denen ich ein bisschen plauderte, über Herzflattern klagten. Gemütlich ging es neutralisiert über den Reschenpass bis Prad. Den fliegenden Start der Favoriten in die Steigung bekam ich dann schon gar nicht mehr mit, muss ziemlich die Post abgegangen sein. Nachdem ich die mittlerweile überflüssig gewordene Kleidung an meine Betreuer abgegeben hatte, begann ich aus einer der letzten Positionen mit dem Anstieg aufs Stilfserjoch. Ohne Probleme fand ich ein angenehmes Tempo und konnte bereits nach kurzer Zeit einige Fahrer überholen. Die Temperatur war fein, ab und an kam sogar etwas die Sonne hervor. Eine Kehre nach der anderen wurde mit ruhigem Puls um die 140 überwunden. „Des lafft als hätt i an Tempomaten eingschalten“ rief ich meinen Betreuern zu die mich immer wieder anfeuerten. Besonders motivierend Gabi: „Die Frau is nur ganz knapp vor dir.“ In den oberen Kehren holte ich Nummer 34 ein, dessen Sohn Rainer in meinem Auto als Schiedsrichter saß. Otto aus Wiener Neustadt sponsored by Power Horse, da er letztes Jahr die Jahresweltbestleistung über 24 Stunden Zeitfahren aufgestellt hatte. 10.000 € sein Budget… und ich armes Würstchen traute mich den Mann einzuholen. Grenzt mehr oder weniger an Majestätsbeleidigung. Wenige Kilometer unter der Passhöhe traute ich kaum meinen Augen. Frau Holle machte sich zum ersten Mal wichtig und schickte uns ein paar Schneeflocken. Zum Glück war die Abfahrt weitestgehend trocken und machte keine Probleme.

In Bormio angekommen konnte die Kleidung wieder abgelegt werden. Richtung Gaviapass türmten sich zwar dunkle Wolken, bergauf würde mir aber bestimmt warm werden. Kurz vor Santa Catherina begann es erwartungsgemäss zu regnen. Trick 17 kam zum ersten Mal zur Anwendung: über die Schuhe zog ich mir keine Überschuhe an sondern band mir lediglich zwei Müllsäcke um die Knöchel. Trotz unglaublichem Sauwetter näherte ich mich bestens gelaunt der Passhöhe. Ab 2500 m verwandelte sich der Regen in Schnee. „Bah sein mia cool…,“ schrie ich zu den anderen Teilnehmern zu, die vor mir den Anstieg bereits beendet hatten, bevor ich mich in die Hütte zum Umziehen begab. Karl bestellte mir einen Capuccino und sich einen Ramazzoti, während ich mir eine Schicht nach der anderen überzog um der Kälte zu trotzen. Vergebens wie ich nach wenigen Metern der glitschigen und nebligen Abfahrt merkte. Die Nässe schlich sich auch unter Rainers GoreTex Überschuhe, von den erfrorenen Händen ganz zu schweigen. Das Schlimmste war der Tunnel. Man sieht absolut gar nichts, ausser den Nebelschwaden am Ende. Ich bin vorsichtshalber aus den Pedalen um keinen Sturz zu riskieren.

Wieder im Tal besserte sich das Wetter. Gemeinsam mit Nummer 9 nahm ich das Flachstück zum Aprica Pass in Angriff. Leider war mein Begleiter nicht gerade der ideale Reisepartner. In den Abfahrten und im Flachen nahm er zumindest einige Meter der Führungsarbeit, kaum waren wir aber in der Steigung liess er sich von mir ziehen. Eine echte Italienerratte wie sie im Bilderbuch stand. „Tira anche tu“, wies ich ihn mehrmals an ein bisschen mitzuhelfen, aber vergeblich. Unter Gejammere und Gezeter erklärte er mir dass er schon 52 Jahre alt sei und nicht mehr kann. Als mich Gabi fragte, ob ich was brauchte antwortete ich: „Ja, a Puffn damit i dem Hund die Birn oablasn kann. Wenn er zalt isch soll er dahoam bleiben, der faule Schwein.“ Bis obenhin nahm mein Spezialfreund keinen Meter. Auf nicht ganz 1200 angekommen machte ich erneut eine kurze Pause, obwohl ich schon ein klein wenig Panik hatte den Mortirolo nicht mehr in der angegebenen Zeit zu schaffen.

In der Abfahrt vom Aprica Pass holte ich Otto ein. Gemeinsam rollten wir nach Mazzo von wo aus die berüchtigte Steigung zum Mortirolo beginnt. Ich hatte zwar bisher fleissig gegessen und getrunken, fühlte aber ein Loch im Bauch. Hungerast wollte ich keinen riskieren, essen wollte ich auch nichts, zu gross die Angst dass ich den Mageninhalt wieder von unten nach oben stülpen könnte. Es war als hätte ich einen Verschluss in meiner Kehle, eine Art leichten Brechreiz schon beim Gedanken an feste Nahrung. Eigentlich kein Wunder, immerhin war ich schon beinahe 10 Stunden im Rennen. Die erste Krise war vorprogrammiert. Im Anstieg vor dem ich den grössten Respekt von allen hatte, lief besser als erwartet. Die meiste Zeit im Wiegetritt, konnten mir auch die schwersten Stücke nichts anhaben. Der Puls blieb meist zwischen 140 und 150, das Tempo war zwar langsam, dafür fuhr ich sehr kraftsparend. „Des is ja a Kinderfasching mit dem 36er,“ rief ich meinen Betreuern zu. Die Krise blieb auch aus. Die 3 Energiegels, das ständige Lutschen von Traubenzucker sowie mein MP3 Player brachten mich über die Runde. Ich glaube der Mortirolo weist bei der Rechnung mögliche Zeit gewinnen durch Koffern und mögliche Kraft verlieren durch Koffern das mieseste Verhältnis auf. Im steilsten Teil wurde jeder Teilnehmer gefilmt. Ein Mitglied des OK machte mich einige Meter davor darauf aufmerksam, vielleicht damit ich mich noch hübsch machen könnte. Mein: „Bah super, dann mach i jetzt an Sprint“ wurde mit einem panischen „Na bitte, mach koane Bledsinn“ pariert.

Um kurz nach 23.00 war auch der Mortirolo Geschichte. Meine Crew hatte am Pass ihr Lager zwischen vielen anderen Teilnehmern aufgeschlagen. Mit einiger Überwindung machte ich mich über die Nudeln her. Penne al Pomodoro e Ricotta. Mjammi, absichtlich zerkocht! Was gut für den Magen ist muss ja nicht immer gut schmecken. Die Abfahrt war erstaunlicherweise kein Problem. Mit Stirnlampe, Minirücklicht und dem Scheinwerfer vom hinter mir her rollenden Betreuerfahrzeug konnte ja nichts schiefgehen. Karl fuhr sehr sicher und angenehm, keine Gefahr. Wir konnten sogar die einzige Dame im Feld wieder aufrollen. Als echter Gentleman war es mir ein Vergnügen sie auf der zweiten Auffahrt zum Aprica Pass zu ziehen. Die Nudeln hatten anscheinend meine Lebensgeister erweckt, rasant und ohne Anstrengung verflogen die 500 Höhenmeter zum Skiort. Die Konversation mit meiner Begleiterin war recht einseitig, da sie anscheinend nicht ganz so gut erholt war. So musste ich in die Rolle des Alleinunterhalters schlüpfen, besser als allein zu fahren war es auf jeden Fall. Auch die Abfahrt vom Aprica Pass verlief nach einem längeren Halt glatt und ohne Komplikationen. Obwohl ich schon mehr Höhenmeter als jemals zuvor in den Beinen hatte fühlte ich mich noch frisch und munter. Lediglich Essen fiel mir immer schwerer. Die Nudeln hatten meinen Magen wieder gefüllt aber wie es weitergehen sollte wusste ich noch nicht so recht.

Nach einigen Flachkilomtern ging es über die Schweizer Grenze auf den Berninapass. Die Leiden begannen. Muskulär war erstaunlicherweise noch alles in Ordnung, kaum begann die Steigung machte sich aber mein linkes Knie bemerkbar. Bei jedem Tritt, besonders im Stehen, spürte ich einen Schmerz auf der Aussenseite. Kurz hinter Poschiavo musste ich meine Betreuer um eine Schmerztablette bitten. Leider ohne Wirkung. Die Dunkelheit tat das Übrige um mich zu zermürben. Man weiss nie wo auf diesem unendlich scheinenden Pass man sich gerade befindet. „Noch 8 Kilometer,“ rief Gabi mir zu. Sollte wohl motivierend sein, war es aber nicht. Die gefühlte Auffahrzeit betrug zu dieser Zeit bereits um die 4 Stunden. „Nur knapp vor dir is der Italiener, der foat schon in Schlangenlinien als hätt er gsoffn,“ hatte kurz nachher schon eine bessere Wirkung. Es dauerte zwar einige Zeit bis die Worte die richtige Gehirnwindung erreichten und ich retourfragte:“Was, der Oasch vom Aprica?“ Ab diesem Moment war ich wie ausgewechselt. Mit Wut im Bauch darüber, dass der „alte Mann“ der ansgeblich nicht mehr konnte, sich vor mir befand, kurbelte ich dem Morgengrauen entgegen. Kurz bevor ich ihn einholte schrie ich ihm hinterher: „CAZZO, NON CE LA FAI PIU? SEI UN GRANDE (A****l**h, gehts nicht mehr oder? Bist wirklich ein Superkerl).“ Der arme Teufel wusste gar nicht wie ihm geschah. Ich überholte ihn so schnell als möglich, fluchte noch ein bisschen vor mich hin, dann war die Passhöhe erreicht. Oben war es saukalt. Ich setzte mich auf den Vordersitz und liess mich von meinem Superbetreuerteam bedienen wie ein Pascha. Zum ersten Mal kam trotz trockenem Wetter die Skihose zum Einsatz. In Zeitlupe und mit Todesverachtung mampfte ich ein Käsebrot um den süssen Geschmack loszuwerden. Mit noch grösserer Todesverachtung setzte ich mich dann aufs Rad und nahm die neblige und eiskalte Abfahrt in Angriff.

Unten angekommen brachte ich keinen artiklierten Laut heraus, mein Mund war zugefroren. Meine Füsse waren trotz der Überschuhe Eisklumpen und meine Hände spürte ich kaum. Genau so fuhr ich dann auch. Der Tritt auf den Albulapass war rund wie ein Würfel. Am Fuss des Berges überholte ich wiederum Otto und Startnummer 39, Pascal aus der Schweiz, die vor mir in die Abfahrt gegangen waren. Seine Betreuer feuerten mich immer wieder an. Mein Team war bereits auf den Gipfel vorgefahren, damit Karl zumindest ein bisschen schlafen konnte. Der Pass zog sich, obwohl er nur 600 Höhenmeter hatte und die Steigung durchwegs angenehm zu fahren war. Immer wieder schossen mir böse Gedanken durch den Kopf: „Jetzt bist schon so lang unterwegs, so lang warst noch nie unterwegs und es fehlt dir noch immer ein Ötztaler. Wie soll das gehen? Wie soll ich das schaffen?“ Genau diese Gedanken hatte ich im Tal auch via Telefon Fredi mitgeteilt der nur lachend meinte: „Naja, mia wissen ja dass du an Ötztaler in 9 Stund dafoasch, i erwart di um 15.00 im Ziel.“ Ich konnte auch nichts mehr essen. In der Steigung probierte ich einen Powerbar Harvest zu schlucken, keine Chance. Bei der Hälfte des Riegels musste ich mich meinem Magen kampflos geschlagen geben und gab die Operation „Nahrungsaufnahme“ auf. Trotz der zurückgekehrten Sonne war es noch kalt und ich war totmüde. Am Gipfel erwartete mich eine Überraschung. „Otto ist schon da“ teilte mir Gabi mit. War ich etwa so in Trance gefahren dass ich es nicht merkte wie er mich überholte? „Er hat aufgegeben und sitzt im Auto.“ Komischerweise gab mir das den Rest inmitten meiner schlimmsten Krise. „Hey Otto, aussteigen, mach koan Bledsinn“ brachte ich noch heraus. Vergebens. Er hatte schon zu lange nichts mehr gegessen, schaute mich aus roten Augen total entkräftet an. Der erfahrenere Langstreckler war aus dem Rennen, ich Nackapatzl war noch dabei. Aber wie lange noch? Ich setzte mich vor das Gasthaus und schaute in die Luft. Gabi brachte mir die restlichen Nudeln und zwang mich zu essen. Nichts ging, Maulsperre! Die Wirtin beobachtete die Szene und entriss mir den Topf um ihn zu wärmen. In guter Absicht hatte sie das fade Nudelpüree noch etwas nachgewürzt. Das Zeug brannte auf meiner Zunge wie Feuer. Zuerst dachte ich es läge daran, dass ich seit Stunden nur Zucker, Cola etc. etc. in mich hineinstopfte und die Nudeln nun ein Kultuschock für meinen angeschlagenen Gaumen wären, nach 2 Löffeln schmiss ich aber endgültig das Handtuch. „Kann ich irgendwas für dich tun? Willst was essen? Tee?“ Ich schüttelte nur den Kopf auf Gabis Fragen. „Willst du aufgeben.“ Sie merkte dass ich an der Kippe zum Handtuchwurf stand. Mit Tränen in den Augen schüttelte ich den Kopf. Ottos Aufgabe hatte mich zwar erschüttert, solange aber noch ein Funken Kraft in meinen Wadln war wollte ich nicht aufgeben. Bevor ich es mir nochmals überlegen konnte machte ich mich auf den Weg ins Tal.

Es erwartete mich der unsympathische Teil nach Davos. Zum Glück hatte ich Rückenwind und konnte mit schönem Schwung kurbeln. Ich wollte mich zumindest mit Anstand von der Veranstaltung verabschieden und mir nicht zu Hause vorwerfen müssen nicht alles probiert zu haben. Dann kam die Wende. Klingt jetzt lachhaft, aber Maggo hat mir ein SMS geschrieben um mir mitzuteilen dass ein Bericht von mir in der NEUEN war. Davon angespornt pedalierte ich weiter und erreichte nach einer kurzen Pause in Davos, wo ich mir mein immer schlimmer schmerzendes Knie von Gabi einschmieren ließ, den Flüela Pass. Ich hatte die 800 Höhenmeter von Davos auf den Gipfel in weniger als 1 Stunde gepackt. Meine Hände zitterten, ich hatte in meiner Euphorie überdreht. Zudem war ich nur mehr eine rollende Mischung aus Traubenzucker und Cola. Meine Zähne schmerzten schon vom Zucker. Aber das Ziel rückte wieder näher, mein Kadaver hatte die dunkle Nacht und die darauffolgende Krise vergessen. Es fehlte nur noch der Ofenpass, das Stilfserjoch und der Reschenpass. Die Pausen wurden immer länger, aber das brauchte ich. Ich liess mich mit Pudding füttern, meine Betreuer waren zwar mittlerweile auch am Ende ihrer Kräfte, taten aber alles um mich weiter zu pushen.

Von Zernez Richtung Fuorn hatte ich anfangs Rückenwind und freute mich auf eine gemütliche Auffahrt auf der ich nochmals Kräfte für den finalen Climb auf das Stilfser Joch sparen wollte. Nach wenigen Kilometern drehte der Wind. Ich hatte nun höllischen Gegenwind und auch mein Knie schmerzte so sehr dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ich biss die Zähne zusammen, musste mich aber kurz vor Ende der Steigung nochmals behandeln lassen und nahm noch 2 Schmerztabletten. Im Moment als ich den Pass erreicht hatte schrie ich den Wind an. „SCH**SS VER******R HU**NSWIND!!“ Der Teil meines Betreuerteams der mich nicht so gut kannte ist wahrscheinlich ziemlich erschrocken.

Auf der schnellen Abfahrt nach Santa Maria begann es zu regnen. Im Einstieg in den Berg zog ich mir die dicken Sachen aus und streifte mir wieder meine Müllsacküberschuhe an. Ich fühlte mich stark. Die Euphorie darüber am letzten Berg angelangt zu sein verlieh mir neue, ungeahnte Kräfte. Mein Knie tat mir bei jedem Tritt höllisch weh, ich versuchte aber den Schmerz, der bei langsamer und schneller Gangart gleich stark war, so gut es ging auszublenden. Gleich zu Beginn überholte ich ein letztes Mal Nummer 9. Der Kerl hatte es tatsächlich durch kürzere Pausen wieder geschafft vor mir zu sein. Diesmal würde ich ihm aber nicht mehr die Gelegenheit geben mich zu überholen. Wie ein Moped, so kam es mir zumindest vor, überholte ich ihn. Mein Tritt war kraftvoll und rund, der Puls liess sich problemlos in die Höhe treiben. Fanfare zum letzten Angriff. Mit Musik im Ohr machte ich Höhenmeter um Höhenmeter der steilen Bergstrasse gut. Immer wieder liess ich mir Cola, Wasser und Traubenzucker reichen, meine Betreuer wies ich an möglichst oft auf mich zu warten. Ich hatte mir aber meine Energie optimal eingeteilt und zeigte keine Schwäche. Das Wetter wurde immer schlechter, der Wind ungemütlicher, der Regen stärker und der Nebel dichter. Nach 1:15 hatte ich den Umbrailpass erreicht, nach 1:35 das Stilfserjoch. Daniele, der seit dem Albulapass mit Einverständnis der Rennleitung in unser Auto umgestiegen war, erwartete mich im strömenden Regen. Die Leistung liess mich meinen Humor wiederfinden. Meine Betreuer trockneten mich ab und zogen mich an. Die Freude war auch ihnen anzusehen. Zurecht, sie hatten einen grossen Anteil am bisher Erreichten. Karl bot mir an mich mit dem Auto zumindest durch die nebligste und kälteste Passage nach Trafoi zu fahren. Es spiele keine Rolle, meinte er und ihm sei wohler dabei. Ich lehnte ab, wollte das RATA finishen ohne im Auto gesessen zu sein.

Die Abfahrt war die Hölle. Der Nebel war dick dass man davon hätte abbeissen können, Sicht gleich null, Bremswirkung noch weniger und die Hände waren in den nassen Handschuhen nicht mehr fühlbar. Trotzdem liess ich mich nicht erweichen und erreichte durchgefroren und durchnässt Prad. Der Regen hatte sich sogar durch die Skihose durchgearbeitet. Aber jetzt waren es nur noch wenige Höhenmeter und weniger als 40 Kilometer zum Ziel. Im strömenden Regen und dem gewohnt giftigen Gegenwind, aber mit bester Laune rollte ich langsam den Reschenpass hinauf. Besonders das Stück von Anfang Stausee bis nach Reschen zog sich. Die Uhr tickter. Ich sammelte nochmals alle Kräfte um unter 31 Stunden zu bleiben. Leider war das Ziel in Nauders nicht beschildert und ich raste an der Abzweigung vorbei. Hätte Karl hinter mir nicht gehupt wäre ich wahrscheinlich bis Landeck weitergefahren. Im Ziel angekommen maulte ich noch kurz herum wegen der fehlenden Beschilderung und der daraus resultierenden Zeit über 31 Stunden, bevor ich mich endgültig als RATA Finisher meines Erfolgs erfreuen konnte. Gernot, der Veranstalter meinte ich sei einer der wenigen der noch einigermaßen bei Kräften ist und den schweren Finisherstein selbst tragen kann.

Nach ein paar letzten Fotos schob ich mein Rad ins Hotel. Ich fühlte mich noch frisch, mein Spiegelbild im Lift überzeugte mich aber eines besseren. Aus tiefen Höhlen schaute mich ein müdes und ausgelaugtes Augenpaar an. Kurze Dusche und ab gings mit einem Zwischenstopp fürs Abendmahl Richtung Innsbruck. Ich kämpfte mit einer riesigen Portion Kasspatzln, am Ende siegte aber die Gier und der Hunger und ich leerte meinen Teller bis auf den letzten Krümel. Das Telefon klingelte in einer Tour, Glückwünsche von Bekannten, Verwandten und Freunden prasselten über mich herein. Eine Bestätigung der eigenen Zufriedenheit.

Der Sonntag verlief sehr sehr ruhig. Ich wachte zwar nach 9 Stunden Schlaf um 8 auf, mein Bewegungsradius war aber zwischen Couch und Esstisch recht eingeschränkt. Ich konnte kaum gehen, meine Knie brachten mich um. Ich hatte die Guten wohl ein wenig überreizt. Der Muskelkater hielt sich dafür in Grenzen. Mein Magen war auch noch ziemlich beleidigt, allein beim Gedanken an ein Honig oder Marmeladebrot wurde mir übel. Der Hammer folgte am Dienstag. Im Büro bemerkte ich ein Spannen an den Beinen, welches sich bei näherer Betrachtung als Wasser entpuppte. Sofort fuhr ich in die Klinik um das checken zu lassen. Nach EKG und Blutuntersuchung konnte allerdings Entwarnung gegeben werden. Mit Hilfe von Lasix Tabletten habe ich die Elefantenstampfer wieder dünnbekommen.

Abschliessend möchte ich sagen dass das RATA eine einzigartige Erfahrung ist. So viele Höhen und Tiefen wie ich in diesen 31 Stunden und die Wochen und Tage zuvor erlebt habe, mit der abschliessenden Freude über das Erreichen des Traumes…. ein Wahnsinn. Schnee, Regen und Kälte haben wie von Tietz prophezeit ein hartes Rennen zur Legende werden lassen. Dass ich es trotz diesen Voraussetzungen geschafft habe, hat nicht nur die Menschen aus meinem Umfeld sondern auch mich selbst überrascht. Die Unterstützung und das Mitfiebern meiner Freunde, Verwandten und Bekannten haben mir dabei geholfen meinen Glauben an mich selbst zu stärken. Besonders der Sinneswandel meiner Eltern in der Einstellung zu meiner Wahnsinnsunternehmung hat mir sehr viel bedeutet. Den ewigen Zweiflern und Besserwissern sei gesagt dass ich mir von Anfang an über die Chancen des Schaffens und Scheiterns bewusst war. Frei nach dem Motto: „If you never try, then you will never know“ wollte ich mich aber nicht einschränken lassen die eigenen Grenzen soweit als möglich auszuloten. Gute Tipps sind OK, bringen einen weiter. Ein blöder Spruch zur rechten Zeit ist wichtig, lässt einen die eigene Situation mit dem nötigen zwinkernden Auge betrachten. Hintenrum verlachen und spotten muss nicht sein, hat mich aber motiviert es noch stärker zu wollen. Ob ich nächstes Jahr ähnliches geplant habe? Momentan ist die Erinnerung an die Leiden und Schmerzen noch zu nahe um Ja zu sagen, andererseits möchte ich es nicht ausschliessen. Die guten Momente haben unterm Strich überwogen. Naürlich war der Verzicht nicht immer leicht, machte nicht jedes Training Spass, der Fokus aufs Ziel lässt aber die schweren Momente in einem guten Licht erscheinen und überstehen.

Ein grosses Dankeschön an mein Team Erni, Karl und Daniele! Das was ihr für mich getan habt kann durch nichts vergolten werden. Besonderer Dank an meine Freundin Gabi, die viel Verständnis für meine Spinnereien aufbrachte und mich in den entscheidenden Momenten gestärkt und unterstützt hat. Vielen Dank auch an meine Sponsoren und Gönner. Ohne Euch wäre mein Traum vorbei gewesen bevor er begonnen hat.