IMG_2160Es war nicht so dass ich nicht eher einen kleinen Bericht zu meinem Halbmarathon am Sonntag vor einer Woche schreiben wollte. Ich konnte nicht. Halbmarathon des Todes klingt ein bissl wie ein übler Indiana Jones Titel. Es ist aber die wahre Geschichte eines Radsportlers, der demutslos auszog um die Welt sub 1:20 zu erkunden.

Sick Shit!

Den Tag vor dem Rennen verbrachte ich mit meiner Frau in Mailand. Am frühen Nachmittag machten wir uns auf den Weg nach Torbole. Während der Fahrt fühlte ich mich etwas komisch. „Ich werde doch wohl nicht genau jetzt krank werden….“. Das Gefühl des Nicht-ganz-gesund-seins verstärkte sich im Laufe des Abends immer mehr. Die Nacht verbrachte ich schwitzend mit leichtem Fieber im Delirium. „Soll ich laufen, darf ich laufen, kann ich laufen?“ Toll mit solchen Gedanken die Nacht zu verbringen.

Am Sonntag wache ich gerädert auf. Zum Glück ist das Fieber weg. Dem Lauf seht also nur leichtes Unwohlsein und ein bissl Schüttelfrost im Wege. Das wird mit 2 Espressi schnell weggeschwänzt. Nur die Frau nichts merken lassen. Aja, und auf der Strecke nicht umkippen und tot sein!

Der Rennverlauf

KM 2: Wow bin ich schnell. OK, es geht bergab, aber die ersten 2 km unter 7 Minuten ist trotzdem ganz gut. Das Leben ist schön, der Schüttelfrost weg.
KM 4: Immer noch schnell. Und leichtfüßig. Wahrscheinlich war das Fieber in der Nacht weil ich mich in eine Gazelle verwandelt habe.
KM 7: Pfuh, vielleicht ein bisschen bremsen. Und probieren mit den anderen mitlaufen. Immer schön im Windschatten.
KM 10: Punkt genau 36 Minuten. Hell yeah. Aber warum laufen die plötzlich alle viel schneller als ich?
KM 12: Verfluchter Mist ist das heftig. Ich glaube ich habe Fieber. Und mir ist schlecht dass ich kotzen könnte. Noch immer 9 km, das sind 3 Tennishallenrunden. Ich kann genau bei niemandem der mich überholt mehr mitlaufen. Die Zwischenzeiten werden immer mieser, aber ich habe noch ein großes Polster.
KM 14: Elendige Strecke. Brücke rauf, Brücke runter. Unterführungen, Kurven, kleine, miese Steigungen. 7 to go. 2/3 um. Geschwindigkeit konstant langsam, aber schnell genug.
KM 16: Gott, ich werde sterben. Hoffentlich aber erst im Ziel. Laufe noch Splits knapp unter 4 Minuten/km, fühlt sich aber alles grad an wie Jogging.
KM 18: Die schnellste Dame überholt mich. FUCK! Aber die lasse ich nicht so schnell davonziehen. Wollen und können…. konnte 200 m mitlaufen bevor ich mich alleine weiterschleppe, während SIE anmutig unter dem Jubel des Publikums davontänzelt. Eine Kehre nach der anderen bremst mich.
KM 19: Verflucht ist mir schwindelig. Und schlecht. Und die Beine tun mir sowas von weh dass ich überlege 2 km vor dem Ziel aufzugeben. Laufen ist Scheiße. Aber so richtig. OK, jetzt noch 8 Minuten auf die Zähne beißen, ich habe noch 1 Minute auf die 1:20 Grenze wenn ich 4 Minuten pro KM laufe.
KM 20: Das geht sich aus…. auch wenn es wirklich wirklich ganz schlimm ist.
KM 21: Letzte Kurve…. WTF? Habe ich echt soviel Zeit verloren auf den letzten 2 Kilometern oder stimmt die Zeitnehmung nicht? Schnell 100 m Sprint hinlegen…. 45, 46, 47…. 58 – ZIEL!!! 1:19,58 brutto. YEAH! Die Chipzeit wird wohl etwas besser sein.

Zeit erfolgreich, Patient tot

Im Ziel muss ich mich richtig zusammenreißen dass ich nicht sofort kotze. Hinsetzen, nicht tot umfallen. Niemanden anschauen, nicht sprechen. Dann wirds schon wieder. Oder nicht. Körper entscheidet sich für „oder nicht“. Höre meine Frau mit mir schimpfen was ich doch für ein Depp bin. Später wird sie mir sagen dass sie geweint hat als sie mich bleich kurz vor dem Kollaps sah. Sie bringt mir einen Pullover und eine Jogginghose. Essen geht gar nicht, bringe ein paar Schluck Wasser runter. Irgendjemand will die Rettung rufen so schlecht geht es mir. Ich zittere wie aufgezogen. Nach 40 Minuten kann ich aufstehen. Für die 100 m durch den Zielbereich brauche ich gefühlte 15 Minuten. Der Gluteus maximus ist ein einziger Schmerzpol. Im Hotel muss ich mich hinlegen und eine Stunde schlafen. Duschen geht gar nicht. Essen auch nicht. Zu Hause schnell in die Badewanne und irgendwas essen. Dann fiebrig ins Bett.

Und die Moral von der Geschicht…

Ab und an wird mir angedichtet dass ich mich nicht bis zum Limit quälen kann. Das habe ich spätestens an diesem Tag widerlegt. Ich durfte mir in den Folgetagen von allen möglichen Leuten von Frau und Mutter abwärts anhören was denn nicht alles passieren hätte können. Stimmt. Das war mir bewusst und ich bin trotzdem an den Start gegangen. Und warum? Richtig, weil wir Sportler alle ein bissl einen Vogel haben. Natürlich war es rein von der Vernunftseite her gesehen nicht toll dass ich tagelang fiebrig und krank war. In einem Anfall von Schwäche (und Todesangst) habe ich schlussendlich meiner vernünftigen Frau versprochen dass ich nie gar nie mehr nicht kränklich bei einem Rennen starten werde.

Das Rennen selbst war sehr zach. Der unnötige Kurs mit seinen Bergauf´s, Bergab´s und Kurven ist für Läufer OK. Für einen Patscher wie mich, einen Radfahrer der ab und an mal gerne läuft, ist es nicht OK. Es killt Rhythmus, Muskulatur und Gelenke. Am Ende des Rennens hatte ich panische Angst vor jeder noch so kleinen Bergabpassage, so weh tat mir alles. Ich wollte unter 1:20 laufen, das habe ich geschafft. Laut Strava war die Strecke etwas länger, GPS Halbmarathon 1:18 (http://www.strava.com/activities/217237062). Die Träume jenseits der 1:18 werde ich wohl auf nächsten Herbst verschieben. Dann gesund und auf einem passenden Kurs.